Mit neugierigen Augen

Wie oft laufen wir durch das Leben mit voreingenommenen Sichten über die Menschen um uns herum?

Wie oft sind wir bereit ohne Vorurteile wirklich zuzuhören?

Vor ein paar Tagen war ich mit Derya und Charlotte beim Zahnarzt. 

So saßen Charlotte und ich im Wartezimmer. Derya war bereits im Behandlungszimmer. Corona bedingt alleine.

Die Praxis ist in einer Wohnung eines Altbaus. Die schönen Holzbalken sind noch zu sehen und werden von weiss blauen Wänden umrandet. Überall an den Wänden hängen Bilder. Meist Porträts von Menschen. Porträts aus Reisen in anderen Teilen dieser Welt. Wir saßen dort und warteten und all diese Gesichter sahen uns an, beobachtend, fern und doch auf eine besondere Art und Weise so nah.

Charlotte hüpfte auf meinem Schoß sichtlich angespannt und redete die ganze Zeit.

„Mama, wann sind wir endlich dran? Mama, warum müssen wir hier so lange warten?“

**Seufzer**

Dann Stille. Sie saß nun ganz ruhig auf meinen Beinen.

„Mama“. Diesmal kam es sehr bedächtig. „Warum ist dieses Mädchen verärgert?“

Sie sah eines der Bilder an. Ein Porträt eines kleinen indischen Mädchens in Sari, dass auf Stroh saß und tatsächlich ernst schaute.

Ich betrachtete das Bild und fühlte mich ein. Ich antwortete: „Warum glaubst Du, dass sie ärgerlich ist?“

Charlotte: „sie sieht ärgerlich aus…“

Ich überlegend: „Hm. Für mich sieht sie eher traurig aus“. 

Charlotte sah mich an und dann das Bild. „Warum ist sie traurig Mama?“

„Das weiss ich nicht, Charlotte. Vielleicht vermisst sie jemanden. Oder vielleicht hatte sie auch einfach nur ein bisschen Angst vor der Kamera“.

Charlotte blieb ruhig. Ihre Augen klar und fokussiert auf das Porträt gerichtet.

Das blieb sie eine Weile.

Und dann, wie aus dem Nichts kam: „Mama, alle Menschen haben Liebe“.

Ich sah sie überrascht an.

Sie wiederholte es: „Mama, alle Menschen haben Liebe.“

Ich strich ihr über ihre blonden Haaren. „Ja, Charlotte, das stimmt.“

Dann sagte sie: „Mama, und alle Menschen haben Ärger“.

„Ja, Charlotte, du hast Recht. All das gehört zu uns. Es ist ok beides zu haben und beides zu fühlen“.

Ein 4 jähriges Mädchen. Eine Erkenntnis – im Wartebereich des Zahnarztes.

Ich hatte das nicht erwartet. Und es hat mich berührt. Denn ihre Worte waren weise.

Ja, auch ein 4 jähriges Mädchen kann weise sein – wenn wir bereit sind ihre Weisheit zu sehen und zuzuhören.

Aber sind wir das?

Wie oft laufen wir durch das Leben mit voreingenommenen Sichten über die Menschen um uns herum? Beschäftigt mit uns selbst, unsere Aufgaben, den Druck, den wir uns selbst auferlegen?

Wen nehmen wir ernst? Wem sind wir bereit unsere volle Aufmerksamkeit zu schenken und richtig zuzuhören?

Wie oft sind wir bereit ohne Vorurteile über das, was wir von bestimmten Menschen erwarten zuzuhören?

Wann bist Du das letzte Mal mit neugierigen Augen, Ohren und Geist Menschen begegnet? Insbesondere die Menschen von denen Du dir bereits einen Urteil gemacht hast?

Ich lade dich dazu ein: Das nächste Mal wenn du jemanden triffst und sprichst, den Du als „vorhersehbar“, „nicht besonders klug“, „Nervensäge“ oder oder oder etikettiert hast: werde dir dieser Etiketten bewusst. Und entscheide dich diese Etiketten für das Gespräch abzulegen. Gehe in das Gespräch offen und neugierig. So wie ein Kind die Welt jeden Tag neu entdeckt. Und sieh, was passiert.

Deine Veronica.

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